Fechterschnecke „Strombus gigas“ in der Karibik – heiß begehrt und gefährdet!

Wenn das Wort Karibik erklingt, denken viele  Menschen als Erstes an palmengesäumte Strände, türkisblaues Wasser und natürlich an die farbenfrohe Unterwasserwelt, die viele Riffe und Sandbänke hervorbringen. Hier ist vor allem die rosa Perle, die „Fechterschnecke“ bzw. „Lambi“ wie man sie im karibischen Raum nennt, nicht wegzudenken. Ihr Fleisch gilt als Delikatesse und wird als Gericht zubereitet, überall in der Dominikanischen Republik vor allem in Strandlokalitäten angeboten. Die dabei zurückbleibenden Gehäuse finden ebenfalls reichlich Abnehmer unter den Touristen in Form von Andenken und Dekostücken. Wer kann den rosa schimmernden Riesenmuscheln schon widerstehen? Und wie werden die Verwandten und Freunde in der Heimat staunen über solch ein tolles Mitbringsel?

Doch viele wissen nicht, dass sich die Tierpopulation in den letzten Jahrzehnten drastisch verkleinert hat und viele Gebiete hoffnungslos überfischt sind. Die Riesenflügelschnecke oder im Englischen „Queen Conch“ oder „Pink Conch“ genannt, ist dabei unersetzlich wichtig für die Erhaltung von Riffsystemen und die daraus resultierende Unterwasserwelt. Deshalb kann man nur jedem Urlauber ans Herz legen, die Natur im Urlaubsland zu lassen und somit beizutragen, dass es als Reiseziel auch weiterhin attraktiv bleibt.

Darf man nun rechtlich gesehen ein „Riesenfechterschneckengehäuse“ nach Europa einführen? Wie wäre es mit JEIN?? Laut www.zoll.de ist es nicht verboten sich ein Exemplar für Zuhause ins Reisegebäck zu packen: „…es dürfen dokumentenfrei von einer Person für den persönlichen Gebrauch und im persönlichen Gepäck bis zu 3 Gehäuse eingeführt werden.“ Wie kann das sein? Laut CITES- Abkommen (Convention on International Trade in Endangered Species and Wild Fauna and Flora) ist die Einfuhr von Strombus-Schneckengehäusen weltweit verboten.  Sollte der „Zoll“ nicht zu Gunsten der Natur seine Web-Seite auf dem neuesten Stand halten?? Hätte jeder der ca. 3,5 Millionen Touristen im Jahr 2010 nur je ein Fechterschneckengehäuse mit nach Hause genommen, würden sie spätestens jetzt auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere stehen!

Um dies zu verhindern gibt es „Aufforstungsprojekte“, um die Population konstant zu halten und Conch-Zuchtfarmen, welche die steigende Nachfrage im Schneckenfleischkonsum sowohl in Amerika als auch auf internationalen Boden zu decken versuchen. Eine dieser Anlagen befindet sich allerdings auf der Turks & Caicos Insel Providenciales, die oberhalb der Dominikanischen Republik im Atlantischen Ocean vorgelagert ist und jährlich etwa 750.000 Tiere heranzüchtet. Auch wenn die wunderschönen Schneckengehäuse hier in der dominikanischen Republik viele Touristen verzaubern und zum „Sammeln“ einladen, verzichten Sie bitte darauf zu Gunsten der Tiere und der Natur, denn wenn die Nachfrage steigt und die Dominikaner damit Geld machen können, wird umso mehr gefischt!

Fechterschnecke Strombus gigas - Kiener 1843
Strombus gigas - Kiener 1843

Das Tier selber, die Riesenfechterschnecke „Strombus gigas“ ist in der gesamten Karibik verbreitet und ist in Tiefen von 1 – 30 m sowohl in Riffzonen als auch, wenn meist im Jugendstadium, in flachen Seegraswiesen zu finden. Sie stellt innerhalb der Familie der Flügelschnecken (Strombidae) mit einer Gehäusegröße von ca. 30 cm den zweitgrößten Familienvertreter dar, die größte Flügelschnecke mit einer Länge von ca. 35 cm ist allerdings „Lambis truncata“, die auch unter dem Namen Teufelskralle bekannt ist. Ihren namentlichen „Flügel“, eben der charakteristisch vergrößerte Schalenrand, bildet die Meeresschnecke allerdings erst mit fortgeschrittenem Alter von ca. 3 Jahren aus.  

Fechterschnecken sind wichtige Riffbewohner und nehmen dort die Rolle der „Müllabfuhr“ ein. Sie ernähren sich von Algen und Detritus, sprich von organischem Material abgestorbener Pflanzen und Tiere und sind somit ein wichtiges Glied in der Säuberung und Erhaltung von Riffsystemen. Wie alle Meeresschnecken besitzt auch Strombus gigas eine „Haustüre“ das sogenannte „Operculum“, welches wie bei den menschlichen Fingernägeln aus Horn besteht und zusätzlich neben dem Verschließen des Gehäuses auch zur Fortbewegung dient. Es befindet sich am Ende des Fußes und wird im Sand steckend während des ruckartigen Zusammenziehens des Schneckenkörpers als „Sprungbrett“ benutzt. So entsteht eine Vorwärtsbewegung um ca. eine halbe Körperlänge, das dem Ausfallsschritt beim Fechten gleicht und der Familie letztendlich ihren Namen verdankt. Die Karibikbewohner haben hingegen eine ganz andere Namensbegründung. Sie lassen verlauten, dass das Operculum von der Schnecke auch als „Degen“ benutzt und bei Gefahr wie wild „herumgefechtet“ würde. Die messerscharfen Kanten des „Nagels“ fügen demnach Badenden Schnittwunden zu. Diese Verhaltensweise ist aber fragwürdig und wurde von Wissenschaftlern nicht beobachtet oder bestätigt.

Wir waren in Cabarete am Strand unterwegs und entdeckten zwar keine lebendige Riesenschnecke, aber eine andere der ca. 50 Arten, die zur Gattung Strombus gehören und in der Karibik leben: Strombus raninus. Sie stellt eine miniaturisierte Form von Strombus gigas dar und zeigt im folgenden Video einen weiteren Gebrauch des Operculums. Während das ruckartige „Gehen“ den Vorteil hat, dass die Schnecke keinen Schleim zur Fortbewegung braucht, der für Fressfeinde eine Geruchsspur hinterlässt, welcher gefolgt werden könnte, kann sie sich mit dem Horndeckel auch schnell wieder aufrichten, wenn sie bei hohem Wellengang umfällt oder von neugierigen Touristen beäugt wird.

Fechterschnecke Strombus Raninus am Strand von Cabarete

Die Fechterschnecken sind getrennt geschlechtlich und erreichen ihre Geschlechtsreife mit ca. 3 Jahren, nachdem sich der „Flügel“ ausgebildet hat. Die Saison der Eiablage findet zwischen März und Oktober statt, jedoch hauptsächlich von Juni bis September, wenn die Wassertemperatur am höchsten ist. Dann begeben sich die Fechterschnecken auf den Weg zur Partnersuche. Hat sich ein Paar gefunden so erfolgt die Spermaübertragung des kleineren Männchens mittels eines schlauchartigen Organs in eine dafür vorgesehenen Körperhöhle des Weibchens, in der es über Wochen hinweg gelagert werden kann. Erst wenn die weibliche Fechterschnecke bereit ist, lässt sie die Befruchtung zu und legt die ca. 400.000 Eier in einem vielfach verschlungenen gallertartigen Schnürrpacket auf sandigen Grund ab. Der klebrige bis zu 15 cm lange Laichklumpen umgibt sich mit Sandkörnern und ist somit gut gegen Fressfeinde getarnt.

Lebenszyklus der Fechterschnecke by Bonnie Bower-Dennis
Lebenszyklus by Bonnie Bower-Dennis

Nach 4-5 Tagen schlüpfen die Schneckenlarven sogenannte „Veliger-Larven“, die mit einem Wimperngürtel und „Segel“ ausgestattet sich eigenständig fortbewegen können. In mehreren Metamorphose-Schritten verwandelt sich die Larve von ca. 0,3 mm zu einem 1 mm winzigen Fechterschneckchen, was nur geschieht, wenn sie mit einer bestimmten Alge, die auf Seegras lebt in Berührung kommen. So kann sicher gestellt werden, dass zum Heranwachsen genügend „Futter“ vorhanden und eine geschützte Umgebung gegeben ist. Auf den Sand sinkend verbringt die Baby-Fechterschnecke hier ca. 1 Jahr, ernährt sich von Algen und wächst heran. Im halbwüchsigen Stadium hält sie sich möglichst in dichtem Seegras auf und ist vorwiegend nachts unterwegs. In dieser Zeit fallen zahlreiche Exemplare Raubfischen, Schildkröten, Hummern oder Krabben zum Opfer, da ihr Gehäuse noch nicht so dick und schützend ist. Im Erwachsenenstadium hingegen haben sie kaum natürliche Feinde, ihr dicke aus mehreren Schichten des Minerals Aragonit bestehend ist so robust, dass ihr keiner was anhaben kann – hier kommt dann der Mensch und sammelt sie ein.

Schon seit eh und je landet die Schnecke in den Kochtöpfen der Menschen. Für viele indogene Völker war sie der wichtigste Proteinlieferant überhaupt. Und auch heute darf die Fechterschnecke auf keiner Speisekarte in Gourmet-Restaurants fehlen. Ob gegrillt, überbacken oder als Ragout, ist sie heute das Highlight unter den Delikatesse. Aus den Gehäusen fertigten die Kariben nicht nur Schmuck wie Halsketten, Armbänder und Haarnadeln, sondern auch robustes Werkzeug, wie Messer und Hammer. Weit verbreitet war auch die Funktion als Signalhorn. Lambi-Hörner waren in der gesamten Karibik in der Zeit der Sklaverei weit verbreitet, da Trommeln verboten waren. Besonders auf Plantagen kündigte ihr Ton den Arbeitstag an. Auch heutzutage sind sie immer noch sehr beliebt unter Seefahrern als Nebelhorn. Ihre damalige Schmuckfunktion hat sie auch heute noch inne, sodass auf allen karibischen Inseln Schmuck aus den Gehäuseteilen gefertigt wird. Gelegentlich, sprich ca. eine Fechterschnecke unter 10.000 modelliert eine rosa Perle, die die Größe einer Beere bzw. Weintraube haben kann. Dabei ist wie bei den Austern ein eingedrungener Fremdkörper die Ursache, der dann ummantelt und „verkapselt“ wird. Die Perlen der Fechterschnecken besitzen keinen Perlmuttglanz und verlieren mit der Zeit im Tageslicht ihre rosane Farbe, weshalb sie nie so wertvoll waren.

Wertvoll sind die Fechterschnecken auf jeden Fall für die Unterwasserflora und –fauna, für die Augen von Tauchern und Schnorchelfreunden, allgemein für das gesamte Bild der Karibik. Die Schneckenfang-Tradition ist sehr alt und wird in heutiger Zeit auf Grund des wachsenden Marktes hauptsächlich in den USA, wo mittlerweile viele ausgewanderte Kariben leben, so extensiv betrieben, dass umso mehr auch junge Tiere gefangen werden, die noch keine Nachkommenschaft produzieren konnten. Dies wirkt sich natürlich entscheidend auf die freilebende Populationszahl aus. Einige Karibikregionen haben deshalb Maximalfangquoten, Schonzeiten und Naturschutzgebiete ausgeschrieben, um die wichtige Nahrungs – und Einnahmequelle auch für die Zukunft zu sichern. Ob solche Gesetze aber in Ländern wie Haiti und die Dominikanische Republik beherzt werden sei dahin gestellt.